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      Das europäische Derby

      Es gilt als das europäische Derby: Deutschland gegen Italien. 54 Jahre lang war Deutschland bei Europa- oder Weltmeisterschaften sogar sieglos gegen die Squadra Azzura. Wir blicken zurück auf legendäre Duelle im Wandel der Zeit. Von Santiago de Chile bis Bordeaux. Von Karl-Heinz Schnellinger über Fabio Grosso bis hin zum "Erlöser" Jonas Hector.

      Weltmeisterschaft 1962, Gruppenphase

      imago images / United Archives International
      Uwe Seeler streckt sich vergeblich. Die WM-Partie endet torlos.

      Obwohl es bereits sechs Fußball-Weltmeisterschaften gab, traf Deutschland erst bei der WM 1962 in eben jenem Nationen-Turnier auf Italien. 
      Das Resultat von 0:0 im ersten Gruppenspiel gegen den zweifachen Weltmeister aus Italien war für den weiteren Turnierverlauf für die deutsche Mannschaft ein gutes. Nach Siegen gegen die Schweiz (2:1) und Gastgeber Chile (2:0) erreichte Deutschland als Gruppensieger das Viertelfinale, die Italiener schieden als Dritter aus. In der Runde der letzten Acht scheiterten die Mannen von Sepp Herberger dann allerdings mit 0:1 an Jugoslawien und mussten so früh wie noch nie zuvor die Heimreise antreten. Für den Weltmeistertrainer Herberger sollte das Turnier in Chile auch das letzte mit der Nationalelf sein. An der zwei Jahre später stattfindenden Europameisterschaft nahm Deutschland nicht teil und Herberger wurde von seinem Assistenztrainer Helmut Schön abgelöst. 

      Weltmeisterschaft 1970, Halbfinale

      imago images / Ferdi Hartung
      Karl-Heinz Schnellinger erzielt kurz vor Ende der regulären Spielzeit das 1:1.

      "Ausgerechnet Schnellinger", schrie Kommentator Ernst Huberty am 17. Juni 1970 beim WM-Halbfinale in der 90. Minute in das Mikrofon, als Italien-Legionär Karl-Heinz Schnellinger zum 1:1 traf und Deutschland in die Verlängerung rettete. In der erzielte erst Gerd Müller (94.) den Führungstreffer für Deutschland, doch die Italiener kamen durch Tarcisio Burgnich (98.) sowie Luigi Riva (104.) zurück und lagen wieder in Front. Erneut Müller war es, der zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung das 3:3 schoss, doch nur wenige Sekunden nach Wiederanpfiff markierte Gianni Rivera das 4:3. Deutschland warf sprichwörtlich alles nach vorne, erkämpfte sich Möglichkeit um Möglichkeit, scheiterte jedoch mehrfach. Sei es am Torhüter oder am Schiedsrichter, der der DFB-Elf mehrere Strafstöße verweigerte. Das Spiel vor über 102.000 Zuschauern im mexikanischen Aztekenstadion ging als "Jahrhundertspiel" in die Fußballgeschichtsbücher ein. 

      Weltmeisterschaft 1978, Zwischenrunde

      imago images / Pressefoto Baumann
      Umkämpftes Duell zwischen Rainer Bonhof und Renato Zaccarelli in Buenos Aires.

      Wie bereits bei der Weltmeisterschaft 1974 eingeführt, gab es auch bei der WM 1978 in Argentinien nach der Gruppenphase eine sogenannte Zwischenrunde anstelle eines Viertelfinales. Als Gruppenzweiter hinter Polen qualifizierte sich Deutschland für eben jene zweite Gruppenhphase und traf dort auf Italien, die Niederlande und Österreich. 
      Im ersten Zwischenrundenspiel ging es gegen den italienischen Rivalen. Das Spiel endete torlos. Vor 67.000 Zuschauern in Buenos Aires wäre ein doppelter Punkterfolg (damals galt noch die Zwei-Punkte-Regel) für das Team von Helmut Schön immens wichtig gewesen, stand es im nachfolgenden Duell gegen die Niederlande durch das Remis direkt unter Druck. Das 2:2 gegen den westlichen Nachbarn minderte die Chancen auf ein Weiterkommen, das im abschließenden Gruppenspiel bei der "Schmach von Cordoba" gegen Österreich (2:3-Niederlage) gänzlich verpasst wurde. 

      Weltmeisterschaft 1982, Finale

      imago images / Colorsport
      Claudio Gentile und Marco Tardelli bejubeln das zwischenzeitliche 2:0. Am Ende siegt Italien 3:1 und ist Weltmeister.

      Drei Tage nach dem legendären Halbfinalsieg gegen Frankreich musste die deutsche Mannschaft am 11. Juli 1982 in Madrid zum vierten Mal bei einer Weltmeisterschaft gegen Italien spielen. Zwei Jahre nach dem EM-Sieg und einer souveränen WM-Qualifikation war die Elf von Jupp Derwall drauf und dran, sich nach dem "Double" 1972 und 1974 erneut ein Denkmal in der Fußball-Historie zu setzen. 
      An die famose Leistung des Halbfinals kam Deutschland - wohl auch mittlerweile entkräftet - nicht mehr heran und lag durch Tore von Paolo Rossi (57.), Marco Tardelli (69.) und Alessandro Altobelli (81.) mit 0:3 in Rückstand. Bereits im ersten Durchgang verschoss Italiens Antonio Cabrini vor 90.000 Zuschauern einen Strafstoß.  
      Paul Breitners Tor in der 83. Minute kam zu spät, Deutschland musste weiterhin auf seinen dritten WM-Titel warten. Diesen holten sich die Italiener nach 1934 und 1938 an diesem Abend in der spanischen Hauptstadt. 

      Europameisterschaft 1988, Gruppenphase

      imago images / Sven Simon
      Walter Zenga wehrt den Ball vor dem heran springenden Rudi Völler im Düsseldorfer Rheinstadion ab.

      Deutschland zählte bei der Europameisterschaft 1988 als Gastgeber zu den Favoriten. In zwei Vierergruppen spielten acht Nationen um den Titel, den sich am Ende die Niederlande sicherte. Doch direkt zu Beginn des Turniers kam es zum Aufeinandertreffen zweier alter Weggefährten: Deutschland und Italien. Und auch die mittlerweile von Franz Beckenbauer trainierte DFB-Elf schaffte es nicht, gegen die Südeuropäer zu gewinnen. 
      Roberto Mancini traf in der 53. Minute zum 1:0 für Italien. Die Führung war zu diesem Zeitpunkt nicht unverdient. Die Italiener, schon damals bekannt für ihren Catenaccio, ließen kaum Möglichkeiten zu. Doch in der 56. Minute unterlief Torhüter Walter Zenga ein schwerwiegender Fehler. Er lief vier Schritte mit dem Ball in der Hand und Schiedsrichter Keith Hackett entschied auf Freistoß für Deutschland. Andreas Brehme sah eine Lücke in der Mauer und schoss per Flachschuss das 1:1. Bei diesem Ergebnis blieb es, die DFB-Elf schaffte anschließend mit zwei Siegen gegen Dänemark (2:0) und Spanien (2:0) den Gruppensieg.  

      Europameisterschaft 1996, Gruppenphase

      imago images / Laci Perenyi
      Mit vereinten Kräften vereiteln Matthias Sammer und Andreas Köpke eine Möglichkeit von Pierluigi Casiraghi.

      Mit Siegen gegen Tschechien (2:0) und Russland (3:0) war Deutschland vor dem abschließenden Gruppenspiel im Manchester Old Trafford bereits für das Viertelfinale qualifiziert. Die Italiener brauchten indes unbedingt einen Sieg, um die Chance aufs Weiterkommen zu wahren. Italien rannte an, erarbeitete sich Chance um Chance, doch die deutsche Defensive hielt Stand. Andreas Köpke schien an diesem Tag unüberwindbar. Bereits in der neunten Minute parierte er einen Foulelfmeter von Gianfranco Zola. Durch das torlose Remis und das parallel ausgegangene 3:3 zwischen Tschechien und Russland war Italien aufgrund des direkten Vergleichs mit den Tschechen ausgeschieden. Ein 0:0 ist zwar kein Sieg, dürfte sich für die Elf von Berti Vogts aber in diesem Moment so angefühlt haben. Im weiteren Turnierverlauf sollte sie im Finale erneut auf Tschechien treffen und dort zum dritten Mal den europäischen Titel erringen. 

      Weltmeisterschaft 2006, Halbfinale

      imago images / Ulmer
      Enttäuschung pur: Der Traum vom WM-Titel im eigenen Land endet im Halbfinale

      Die Weltmeisterschaft entwickelte sich zu einem rauschenden Fest in Deutschland. Auch dank der DFB-Elf, die kurz davor war, nach 2002 erneut ins WM-Finale einzuziehen. Die Deutschen träumten vom Titel im eigenen Land, das Sommermärchen war längst geboren. Doch im Halbfinale wartete - mal wieder - Italien. Die Zuschauer am 4. Juli 2006 im Dortmunder Westfalenstadion wurden Zeuge eines taktisch geprägten Spiels, in dem jedoch partout kein Tor fallen wollte. Weder in der regulären Spielzeit, noch in den ersten 29 Minuten der Verlängerung. Sollte dieses Duell erstmals in einem Elfmeterschießen entschieden werden? In der 119. Minute zeigte allerdings Andrea Pirlo sein Können, düpierte mit seinem Pass gleich vier deutsche Abwehrspieler, bediente Fabio Grosso und der aufgerückte Außenverteidiger traf nicht nur ins Tor, sondern in die Herzen der 82 Millionen Deutschen. Kurz darauf erzielt Alessandro Del Piero noch das 0:2. Der Traum vom Titel im eigenen Land war dahin. Wieder einmal scheiterte eine DFB-Elf an der Squadra Azzurra, die sich im Finale gegen Frankreich ihren vierten WM-Titel holte.  

      Europameisterschaft 2012, Halbfinale

      imago images / Laci Perenyi
      Mario Balotelli zeigt seinen markanten Jubel. Bei Philipp Lahm ist die Fassungslosigkeit regelrecht ins Gesicht geschrieben.

      Der Stachel der Niederlage 2006 saß noch tief, die Deutschen waren beim Turnier in Polen und der Ukraine gewillt, endlich ihren Angstgegner bei einem Turnier zu besiegen. Die Mannschaft von Joachim Löw, die in der Gruppenphase mit teilweise berauschendem Fußball Portugal, Dänemark und die Niederlande hinter sich ließ und im Viertelfinale Griechenland aus dem Turnier warf, zeigte auch zu Beginn gegen Italien gute Ansätze. 
      Die Squadra Azzurra wurde von Minute zu Minute jedoch angriffsfreudiger und ging durch Mario Balotelli in der 20. und 36. Minute noch vor der Pause mit 2:0 in Führung. Der Jubel des Stürmers von Manchester City brannte sich im Nachhinein in das kollektive Fußball-Gedächtnis ein (siehe Foto). 
      Nach dem Seitenwechsel drängte die DFB-Elf - jedoch ohne Erfolg. Erst in der Nachspielzeit traf Mesut Özil vom Punkt zum 1:2. Doch dieser Treffer kam zu spät und Deutschland blieb auch im achten Duell gegen Italien ohne Sieg. Im Finale der Europameisterschaft verlor Italien indes mit 0:4 gegen Spanien. 

      Europameisterschaft 2016, Viertelfinale

      imago images / Ulmer/Teamfoto
      Gianluigi Buffon ist zwar noch dran, kann den Schuss von Jonas Hector aber nicht parieren.

      "Endlich", riefen die Deutschland-Fans nach Abpfiff des EM-Viertelfinals am 2. Juli 2016. Denn nach über 54 Jahren Pflichtspiel-Historie ist es einer DFB-Elf erstmals gelungen, Italien zu besiegen. Wenn auch denkbar knapp. Doch der Reihe nach. Mesut Özil sorgte in der 65. Minute für das 1:0 im französischen Bordeaux. Deutschland ließ nichts anbrennen und war auf bestem Wege, nach 2008 und 2012 zum dritten Mal in Folge ins Halbfinale einer Europameisterschaft einzuziehen. Doch zwölf Minuten vor dem Ende bekam Abwehrspieler Jérôme Boateng nach einer Ecke den Ball an den Arm und Leonardo Bonucci ließ Manuel Neuer beim folgerichtigen Elfmeter keine Chance - 1:1. Mal wieder Verlängerung. In der mieden beide Teams jedoch das größtmögliche Risiko und es fielen keine weiteren Tore.
      Das Elfmeterschießen sollte als eines der längsten und dramatischten in die Geschichtsbücher eingehen. Erst der 18. Schütze, Jonas Hector, sorgte mit einem harten Schuss für den Halbfinaleinzug. Zuvor hatten reihenweise Akteure beider Nationen Nerven gezeigt und sind gescheitert. Deutschland holte am Ende zwar nicht den EM-Titel, konnte aber das europäische Derby erstmalig für sich entscheiden. 

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