Einmal Chef, immer Chef - Legenden-Abend zur "Nacht von Sevilla"

      Neun Vize-Weltmeister von 1982 folgen anlässlich der Eröffnung der Sonderschau „Die Nacht von Sevilla“ der Einladung ins Deutsche Fußballmuseum. Eine willkommene Gelegenheit, um sich über alte Zeiten auszutauschen.

       

       

      Es geht zu wie auf einem Klassentreffen. „Lange nicht gesehen, Paul“ oder „Du siehst ja noch topfit aus, Manni.“ Die Herren scheinen sich in der Tat etwas aus den Augen verloren zu haben. Mit dem Wiedererkennen gibt es allerdings keine Probleme, wie das bei Zusammenkünften nach vielen Jahren schon mal der Fall sein kann. Denn hier begegnen sich Legenden, die im Fußball große Spuren hinterlassen haben. Gemeinsam wurden sie bei der WM 1982 in Spanien mit der deutschen Nationalmannschaft Vize-Weltmeister.  
      Sie sind die Protagonisten eines der besten WM-Spiele aller Zeiten. Das 8:7 nach Elfmeterschießen im damaligen Halbfinale gegen Frankreich war an Dramatik nicht zu überbieten. Aus Anlass des 40. Jahrestages dieses Jahrhundertspiels inszeniert das Deutsche Fußballmuseum die Sonderschau „Die Nacht von Sevilla“. Zu Eröffnung sind sie nun extra nach Dortmund angereist: Paul Breitner, Toni Schumacher, Klaus Fischer, Pierre Littbarski, Manfred Kaltz, Uli Stielike und Felix Magath. Sieben Spieler aus der damaligen Startelf. Auch Hansi Müller und Wilfried Hannes sind zugegen, die im Spiel gegen Frankreich nicht zum Einsatz kamen, aber auf der Bank gebannt mitfieberten, wie die 70.000 Zuschauer im Estadio Ramón Sánches Pizjuán von Sevilla und Zig-Millionen Menschen vor dem Fernseher. Sie alle wurden Zeuge eines Spiels, bei dem das Pendel zwischen Triumph und Tragödie für beide Mannschaften ständig wechselseitig ausschlug.
      Für Toni Schumacher ging es schlecht los. Der 76-malige Nationalspieler steht neben einer Glasvitrine, in der sein rotes Torwarttrikot aus dem Halbfinale hängt, und erinnert sich: „Unser Zeugwart hatte mein blaues Trikot im Bus vergessen, das ich bei den Spielen zuvor immer getragen und mir entsprechend Glück gebracht hatte.“ Viele Fußballer sind abergläubisch. Schumacher musste auf rot wechseln und trat nun im gleichen Outfit wie sein französischer Torwartkollege Jean-Luc Ettori an. War es nun Glück oder Unglück, was dem Kölner in seinem Ersatztrikot widerfuhr, als das Spiel seinen dramatischen Verlauf nahm? Man ist geneigt zu sagen: Beides.

      Eine der am meisten diskutierten Szenen der Begegnung brachte jedenfalls großes Unglück.  Vor allem für den Franzosen Patrick Battiston, der bei einem schlimmen Zusammenprall mit Toni Schumacher mehrere Zähne verlor und bewusstlos vom Platz getragen werden musste. Nicht wenige unterstellen Schumacher bis heute ein absichtliches, rücksichtsloses Foulspiel. Der Schiedsrichter Charles Corver aus den Niederlanden gab aber noch nicht einmal einen Freistoß für die Franzosen geschweige denn dem deutschen Torwart eine gelbe oder rote Karte. Natürlich wird Schumacher auch jetzt wieder auf diese Situation in der 57. Spielminute angesprochen. Wie so oft in den vergangenen 40 Jahren: „Für mich ist wichtig, dass Patrick mir glaubt, dass ich ihn nicht verletzen wollte. Wenige Tage nach dem Turnier habe ich mich bei ihm entschuldigt.“
      Auch Schumacher Mannschaftskollegen werden nach ihrer Einschätzung gefragt. Am deutlichsten bezieht Paul Breitner Stellung: „Der Toni hat das so gemacht, wie es seinerzeit den Torhütern gelehrt wurde: Entweder er kriegt den Ball oder es muss krachen.“ Aber selbstverständlich, so Breitner, habe keiner gewollt, dass die Sache so übel für Battiston ausging. Während der Franzose ins Krankenhaus transportiert wurde, fand Schumacher doch noch sein Glück in diesem Spiel. Im Elfmeterschießen avancierte er zum großen Helden und sicherte der deutschen Mannschaft mit zwei Paraden gegen Didier Six und Maxime Bossis den Einzug ins Finale. „Ich war gut vorbereitet und hatte – wie bei allen Elfmeterschützen, die im Laufe der Jahre gegen mich angetreten sind – im Vorfeld viele Informationen über ihre Schussgewohnheiten gesammelt. Aber der Beste von allen“, verrät Schumacher, „war der Litti.“

      Da ist was dran. Pierre Littbarski schoss die deutsche Mannschaft mit 1:0 in Führung und bereitete nach dem Rückstand in der Verlängerung  sowohl den Anschlusstreffer von Karl-Heinz Rummenigge als auch den Ausgleich durch Klaus Fischer vor. Und im Elfmeterschießen tröstete der kleine Dribbelkünstler zunächst Uli Stielike nach dessen Fehlversuch, um dann selbst seinen eigenen Elfmeter eiskalt zu verwandeln. Eine großartige Performance, vor allem wenn man bedenkt, dass Littbarski zu den Jüngsten im Team zählte. „Das war ein Vorteil. Ich genoss Welpenschutz, hatte in Paul Breitner einen erfahrenen und wichtigen Fürsprecher und musste mir deshalb nicht so viele Gedanken um das ganze Drumherum machen“, erzählt der gebürtige Berliner, der acht Jahre später, dann als gereifter Führungsspieler, den Gewinn des WM-Titels feiern konnte. „Für mich gibt es aber nur zwei Jahrhundertspiele der deutschen Nationalmannschaft: Das 3:4 nach Verlängerung bei der WM 1970 in Mexiko und eben dieser Sieg nach Elfmeterschießen gegen die Franzosen. Ich hatte das Glück, bei einem dabei zu sein und mit Spielern in einer Mannschaft stehen zu dürfen, die allesamt über enorme Qualität und einen starken, zuweilen auch schwierigen Charakter verfügten.“

      Bei seinen Ausführungen ist Littbarski ganz wieder in der Rolle des jungen Spielers, der sich einordnet und den älteren Respekt zollt. Ist es Zufall, dass er an diesem Abend häufig an der Seite von Paul Breitner zu sehen ist? Einmal etablierte Hierarchien von Fußballmannschaften ändern sich offensichtlich nicht, auch nicht nach 40 Jahren. Paul Breitner war und ist der Chef dieser Truppe. Bemerkenswert, wie er seine Jungs nach wie vor im Griff hat. Als die ihm am Ende der stimmungsvollen Eröffnungsveranstaltung die Autogrammstunde mit den geladenen Gästen zu lang gerät, ruft er kurzerhand alle zusammen und sagt: „Schluss jetzt, ist mir egal was die anderen Leute denken, wir gehen sofort zum Essen.“ Lange nicht gesehen, Paul… Hast Dich aber gar nicht verändert.

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