Diskussionsrunde „Angriff über rechts – Neonazis im Stadion“

Das interessierte Publikum im N11 Restaurant des Fußballmuseums

Claudia Roth: "Es braucht eine Verstetigung von Unterstützung im Kampf gegen rechts.“

05.12.2017

„Die Arbeit gegen Rassismus ist kein Marketing-Gag“

Wenn der Gegenstand einer Diskussionsrunde „Angriff über rechts – Neonazis im Stadion“ ist, lässt sich bereits erahnen, dass der Redebedarf über dieses wichtige gesellschaftspolitische Thema in rund zwei Stunden längst nicht erschöpft sein kann.

#bild#Angesichts der Komplexität hätte die gestrige ANSTOSS-Veranstaltung im Kulturprogramm des Deutschen Fußballmuseums sicher noch weitergeführt werden können. So war es eine lebhafte Diskussion, in der viele, auch kontroverse Standpunkte und Sichtweisen ausgetauscht wurden.

Museumsdirektor Manuel Neukirchner läutete die illustre Runde mit Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und Mitglied des Kuratoriums der DFB-Kulturstiftung, Torsten Schild, Leiter der Fanabteilung bei Borussia Dortmund, und Prof. Dr. Gunter A. Pilz, Sportsoziologe, Fan-Forscher und Vorsitzender des Beratungsnetzwerks „Sport und Politik verein(t) gegen Rechtsextremismus“, ein. Die Moderation vor rund 100 interessierten Gästen im N11 Restaurant des Deutschen Fußballmuseums hatte Matthias Friebe vom Deutschlandfunk inne.

Neukirchner sensibilisierte zu Beginn für die Relevanz und traurige Aktualität des Themas: „Wie gehen wir, wie geht der Fußball mit Rechtsextremismus um?“ Antisemitismus und Rassismus sind Probleme – auch im Fußball. Immer wieder kommt es im Umfeld von Fußballspielen zu rechtsradikalen Hetzparolen oder gewalttätigen Übergriffen. Das Fußballmuseum selbst war Ende Oktober unmittelbar betroffen, als Figuren jüdischer Spitzensportler der Sonderausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung“ auf dem Museumsvorplatz von Vandalen beschädigt worden waren.

#bild#Pilz hob allerdings hervor: „Der Fußball ist kein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern ein Brennglas. Das heißt: Was im Fußball passiert, ist viel mehr im Fokus. Hier wird Rassismus stärker wahrgenommen. Aber deswegen wird er auch entschiedener angegangen.“ Beim BVB geschieht das mit Projekten und aufmerksamkeitsstarken Aktionen wie „Kein Bier für Rassisten“, wie Torsten Schild erläuterte: „Die Arbeit gegen Rassismus ist kein Marketing-Gag, sondern innere Überzeugung. Was in der NS-Zeit passiert ist, darf sich nie wiederholen.“ Er erklärte, dass sich die Fanszene in Dortmund gegen rechte Gruppen wehre. „Der Umgang mit Rassismus ist ein Lernprozess. Und: Nur mit bezahlten Kräften bewegt man nicht viel. Die Bedeutung des Ehrenamts ist nicht zu unterschätzen!“

Claudia Roth betonte, dass das Credo „Der Sport hat mit Politik nichts zu tun“ in ihren Augen nicht zu halten sei: „Wir brauchen eine Demokratieoffensive. Ich bin dankbar für Spieler, die sich nicht wegducken und dem Rassismus stattdessen etwas entgegensetzen. Der Fußball darf nicht für rechte Ideologien missbraucht werden.“ Pilz pflichtete ihr bei: „Mats Hummels ist nach dem Länderspiel gegen Tschechien in Prag nicht in die Kurve gegangen, nachdem Hooligans dort ‚Sieg Heil!‘ gerufen hatten. Das fand ich gut, denn er hat damit gezeigt: ‚Diese Fans wollen wir nicht‘. Ich wünsche mir mehr solcher Gegenreaktionen. Politik hat im Stadion nichts zu suchen? Wer das sagt, will sich nur drücken. Schließlich sind Werte wie Fairness und Respekt sogar in der Satzung des DFB festgeschrieben. Daraus zieht der Sport seine Legitimation und seinen Anspruch auf Gemeinnützigkeit.“

Die Initiativen kommen nicht nur von den Sportlern, sondern auch aus der Fanszene selber. Vieles passiere von „unten nach oben“, von den Fans zur Vereinsspitze. Schild ermunterte: „Man muss keine Angst haben vor den Leuten, die rechte Banner zeigen. Da setzen wir auch auf Selbstreinigungskräfte aus der Kurve. Es ist okay, dann zum Ordner zu gehen und das zu melden.“ Wenn eine Gruppe geschlossen signalisiere: ‚Das, was da passiert, wollen wir nicht‘, sei das gut, müsse aber noch viel häufiger vorkommen. Auch eine funktionierende Ultra-Kultur sei wichtig, um das Stadion sauber von rechten Tendenzen zu halten. Und: Die Vereine müssten deutlich machen, dass sie hinter den Fans stehen, die sich gegen Rassismus engagieren. Auch wenn sie dann andere 'Fans' verlieren.

„Wir haben eine starke Empörungskultur, aber leider keine Handlungskultur“, bedauerte Pilz. Aus dem Publikum gab es zu dieser Haltung sowohl Zustimmung als auch Ablehnung. „Ich war in Prag vor Ort und finde es schockierend, dass Sie die Positionierung der friedlichen Fans fordern“, warf ein Gast ein. „Die Frage ist doch eher: Was macht die Politik? Was macht der DFB? Wann hört die Doppelmoral auf, die in vielen Fällen existiert?“

An einigen Stellen der Diskussion wurde deutlich, wie sehr die Bekämpfung von Rassismus, aber auch von Homophobie im Fußball von Erwartungen überfrachtet ist. Denn gerade in den unteren Ligen, fernab vom Hochglanz-Sport, nehme der Fußball seine Aufgaben zwar sehr ernst, sei damit stellenweise aber völlig überfordert, sagte Pilz: „Da versuchen Ehrenamtler, überhaupt nur den Trainingsbetrieb aufrecht zu erhalten. Und dann sollen sie auch noch gegen rechtsextreme Tendenzen kämpfen, wo andere Institutionen einfach Sozialarbeiter oder die Polizei rufen. Fußballtrainer können nicht alles können.“ Die Krise des Ehrenamts wiederum komme rechtsextremen Parteien entgegen, die bei der Feuerwehr oder in Vereinen Schlüsselpositionen besetzen könnten. Darum sei die Vernetzung aller Beteiligten wie Kommunen, Vereinen und Verbänden so wichtig. Claudia Roth: „Es braucht eine Verstetigung von Unterstützung im Kampf gegen rechts.“

Trotz unterschiedlicher Positionen und verschiedener Ansätze kann man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen: Die beste Prävention ist und bleibt, miteinander zu reden statt auszugrenzen. Denn Ausgrenzung treibt Menschen erst recht in die rechte Ecke. Alle sind gefordert, Haltung zu zeigen.

Was hilft also, wenn der Sport sich selbst als politischer Akteur begreift? Ein beständiger Dialog aller Beteiligten auf Augenhöhe. Eine Auseinandersetzung mit Sensibilität und Aufmerksamkeit, die unterschiedliche Positionen ernst nimmt und Problemlagen demokratisch zu lösen oder zu beantworten versucht. Denn eines muss klar sein: Mit einer Eintrittskarte ins Stadion kauft man nicht den Zutritt zu einem rechtsfreien Raum.

Das Deutsche Fußballmuseum will zu diesem Dialog seinen Teil beisteuern. Mit Gesprächsrunden dieser Art, aber auch mit der Dauerausstellung und Sonderschauen. Wie Claudia Roth hervorhob: „Hier im Museum wird kein Schlussstrich unter die Geschichte gezogen. Hier werden der Jubel und die Triumphe gezeigt, aber eben auch die negativen Seiten des Fußballs: der Missbrauch und die Infiltrierung.“ Kapitel der Fußballgeschichte, die nachdenklich machen und Erinnerungen nicht nur wecken, sondern wachhalten. Auch das gehört zur allumfassenden Betrachtung unseres Sports.

Podcast-Aufzeichnung der Diskussionsrunde

Bilder der Veranstaltung

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