Dr. Manfred Weinberg, Quelle: Briel / Goll / Spoerl / Wicklaus 2017, S. 107

Dr. Manfred Weinberg

Geboren 1903 in Offenbach
Gestorben 1982 in Hannover
Funktionär

Stolperstein für Manfred Weinberg, Quelle: Briel / Goll / Spoerl / Wicklaus 2017, S. 107Dr. Manfred Weinberg (1901 in Offenbach Bürgel geboren) ist inzwischen das bekannteste jüdische OFC-Mitglied, obwohl sein Name nach 1932 über Jahrzehnte nicht in den Festschriften und Vereinschroniken erwähnt wurde.

Bis 1932 hatte er mehrfach dem Vereinsvorstand angehört. Dr. Manfred Weinberg verhinderte als Vorstandsmitglied für Rechtsfragen im Jahr 1932 maßgeblich, dass Adolf Hitler im Kickers-Stadion sprechen konnte. Die Nationalsozialisten waren reichsweit im Aufschwung und wollten auch im sog. "roten Offenbach" bei der Landtagswahl im Juni 1932 stärkste Partei werden. Dazu sollte drei Tage vor der Wahl 1932 ihr "Führer" Adolf Hitler in Offenbach auftreten. Das Stadion der Offenbacher Kickers, des bedeutendsten Vereins, war das gewünschte Forum. Es war bereits zu Demonstrationen im Vorfeld gekommen und weitere Auseinandersetzungen und Krawalle in der Stadt drohten. Dr. Weinberg verhinderte, dass Hitler im Kickersstadion sprechen konnte.

Die lokale NSDAP drohte dem Vorstand der Kickers, doch es blieb bei der Weigerung den Platz zur Verfügung zu stellen. Hitler musste für seine Rede auf einen benachbarten Platz ausweichen und soll Augenzeugenberichten zufolge unmittelbar danach fluchtartig die Stadt auf schnellstem Weg wieder verlassen haben. Die Nazipresse legte am 17. Juni 1932 nach und fand einen Schuldigen:

"Dann aber wird es klar. Im Vorstand des Vereins sitzt der Jude Dr. Weinberg, der es verstanden hat, die Hergabe des Platzes zu hintertreiben. Da wird der Platz nebenan gemietet. Der SV Offenbach 02 stellt ihn zur Verfügung. Und wenn auch der Fußballklub Kickers durch 200 Austritte und lebhafte Protestaktionen von Geschäftsleuten angetrieben, nachträglich seinen Platz doch zur Verfügung stellt, es ist zu spät (...)."

Kurz darauf berichtete sie:

"Heute erfahren wir nun, daß Dr. W. "freiwillig" der "Gewalt gewichen" ist. Dieser Tage ist sein Name aus der Mitgliederliste der "Kickers" gestrichen worden - aber nicht aus dem Gedächtnis des nationalsozialistischen Offenbach; dort wird er verzeichnet bleiben, bis an den Tag! Jedoch, wie dem auch sei, Dr. W. ist nicht mehr in der,,Kickers". Somit ist die ,,Kickers" frei. Frei von ,,jüdischen Einfluß". Wir gratulieren."

Offenkundig hatten Anhänger der Nationalsozialisten im Verein erfolgreich gegen Dr. Weinberg Stimmung gemacht und ihn zum Rücktritt veranlasst. Die Nazi-Presse war das nicht genug und sie drängte auf Stadionverbot.

Wie angedroht vergaßen die Nationalsozialisten Dr. Weinberg den Affront vom Juni 1932 nicht, sondern verfolgten ihn unmittelbar nach der Machtübernahme. Im März 1933 verhafteten sie ihn und brachten in das KZ Osthofen in Rheinhessen in sog. "Schutzhaft".

Im April 1933 kündigte die NS-Presse an, dass in Offenbach politische Parolen der Arbeiterparteien von "Schutzhäftlingen" entfernt werden müssten, deren linksorientierte Parteien für die mit Ölfarbe geschriebenen Texte verantwortlich seien. Die politischen Gegner und die Juden sollten in der Öffentlichkeit gedemütigt werden:

Ernst Oppenheimer, ein nach Israel emigrierter Offenbacher, erinnerte sich später:

"Einen Tag vor dem 1. Mai kamen sie (die SA) wieder (...) und holten mich ab. Wir sind also auf den Wilhelmsplatz gegangen. Dort war ganz groß aufgeschrieben: "Rotfront lebe" oder so etwas Ähnliches. Zwei oder drei Reihen hinter mir ging noch ein Jude, Dr. Weinberg, ein Rechtsanwalt. Wir haben jeder eine Zahnbürste in die Hand gedrückt bekommen und mussten die Straße säubern. Wir mussten die kommunistische Wahlpropaganda, die mit Ölfarbe auf das Straßenpflaster gemalt war, entfernen. Rundherum standen aufgebrachte Menschen, zum Teil schweigsam, zum Teil Anhänger von Hitler".

Im Frühjahr 1933 erhielt Dr. Weinberg - wie die meisten jüdischen Anwälte - Berufsverbot und emigrierte noch im selben Jahr mit seiner Familie , so dass er die NS-Zeit überleben konnte. 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und leitete in Mainz den Wiederaufbau des Arbeitsamtes. Nach seiner Pensionierung zog er 1973 nach Hannover, wo er 1982 verstarb.

Manfreds jüngerer Bruder Julius Weinberg (geb. 1903) war auch dem Offenbacher Fußball verbunden.

1933 wurden in den Fußballvereinen die jüdischen Mitglieder im Zuge eines vorauseilenden Gehorsams und des offen zu Tage tretenden Antisemitismus stigmatisiert und aus ihren Funktionen, den Vereinen und dem DFB gedrängt.

Dadurch stieg die Mitgliederzahl der jüdischen Vereine erheblich an, denn die jüdischen Sportler schlossen sich den bestehenden jüdischen Sportorganisationen an oder gründeten neue. Seit ca. Mitte der 20er Jahre existierte in Offenbach der JJB, der Jüdische Jugendbund. 1933/34 war J. Weinberg war im Vorstand des JJB und der Arbeitsgemeinschaft Südwest der jüdischen Vereine .

Nach seiner Emigration in NewYork war Julius Weinberg in der Sportabteilung des German-Jewish-Clubs, der sich nach Kriegseintritt der USA in New World - Club umbenannte, tätig. Er galt als hervorragender Schiedsrichter "aus der bekannten Offenbacher Schiedsrichterschule". So berichtete die New Yorker Zeitung der "Aufbau", eine jüdische Zeitung in deutscher Sprache.

Ausführliche Würdigung erfuhr Dr. Manfred Weinberg erst Jahrzehnte später, im Jahr 2000, als engagierte Kickersanhänger sich näher mit der Geschichte während der NS-Zeit befassten.

2006 wurde schließlich vor dem Kickersstadion am Bieberer Berg ein Stolperstein mit seinem Namen platziert, also nicht - wie sonst üblich - vor seiner letzten selbst gewählten Wohnung in Offenbach. Die Patenschaft übernahm der Vorstand der Offenbacher Kickers. Nach dem Bau des neuen Stadions wurde der Stein 2012 neu verlegt. Nachdrücklich wurde dabei hervorgehoben, dass der Verein auf das Mitglied Dr. Weinberg wegen seiner Zivilcourage in besonderem Maße stolz sein kann. Schon 2006 hatte die FAZ berichtet:

"Ehrenpräsident Waldemar Klein würdigte Weinberg als einen „mutigen Mann, der dem Ungeist entgegengetreten“ sei.

Autor: Jochem Wicklaus

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