Fußballmuseum trauert um Hans-Dietrich Genscher

      Der langjährige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Gentscher ist gestorben. Der 89-Jährige erlag am Donnerstag, 31. März, einer Herz- und Kreislauferkrankung. Das Deutsche Fußballmuseum trauert um den ehemaligen FDP-Chef, der durch Zeitzeugengespräche die im Oktober 2015 eröffnete Dauerausstellung bereichert. Im folgenden Auszug eines Interviews erinnert sich Gentscher an den WM-Triumpf 1954, der Freude, aber kein Triumphgefühl in der jungen Bundesrepublik ausgelöst hatte.|Zeitzeugengespräche für Dauerausstellung

      #bild#„An jenem 4. Juli 1954 saß ich mit meiner Mutter zusammen in meiner kleinen 1 ½ Zimmerwohnung in Bremen vor dem Radio. Eigentlich ging es mir miserabel, ich litt an einer schweren Lungentuberkulose, aber dieses Endspiel beflügelte mich und meine Gedanken gingen zurück:

      Im Februar hatte ich mein zweites juristisches Staatsexamen ablegt, das Jahr 1954 hatte somit für mich ohnehin große Wichtigkeit. Nun war ich Anwaltsassessor. Zwei Jahre zuvor war ich aus der DDR nach Westdeutschland gekommen. Im Alter von 18 Jahren hatte ich das Kriegsende und danach alle Tiefen jener Zeit miterlebt.

      Und nun erlebte ich plötzlich, wie die deutsche Nationalmannschaft in diesem gewaltigen Spiel gegen den haushohen Favoriten Ungarn gewinnt. Ja, man hat sich von ganzem Herzen darüber gefreut und hätte die Mannschaft umarmen können. Ich empfand – und so sehe ich das auch für die meisten Menschen in unserem Land damals -  eine bescheidene Freude.

      #bild#Es war für die Menschen ein ganz neues Lebensgefühl. Zum ersten Mal, und diesmal gar nicht angefeindet, standen die Deutschen sozusagen oben. Aber nicht in der Art: `Wir sind wieder wer` oder `Jetzt können wir wieder den aufrechten Gang üben.´ Nein, kein vermeintlich neues Überlegenheitsgefühl, sondern viel mehr: `Wie schön, dass so etwas möglich ist.` Der Titelgewinn hat vielen Menschen neuen Mut gemacht und wurde als ein Ereignis empfunden, das über die Bedeutung eines Fußballspieles hinaus ging.- Als eine Anerkennung des Neuanfangs, der hier in Westdeutschland möglich geworden war, sowohl wirtschaftlich wie politisch und gesellschaftlich. Das Leben ging neu los und das gewonnene Finale schien wie die Krönung.

      Der Gewinn der Weltmeisterschaft hat dieser sich neu herausbildenden Gesellschaft in Deutschland einen neuen Impuls gegeben. Er verlieh im Grunde nicht Selbstbestätigung, aber Selbstvertrauen für die große Frage: Wie wird es weitergehen, wie wird unser Weg in Europa sein? Das alles ist mit diesem großen Fußballereignis damals verstärkt worden.

      Insofern besaß das Finale von Bern eine psychologische Wirkung, wie man sie sich tiefer und größer gar nicht vorstellen kann. Aber, das möchte ich noch einmal betonen, was ich empfand und im Nachbetrachten noch mehr empfinde: Der Erfolg von Herbergers Mannschaft löste bei den Menschen herzliche Freude aus, aber kein Triumphgefühl.

      Diese Art der Reaktion - wie ich sie im Übrigen auch bei den späteren WM-Siegen der deutschen Nationalmannschaft  wahrgenommen habe - zeigt, dass dieses Volk aus der Geschichte gelernt hat und gereift ist.“

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