Talk "Die 4. Halbzeit" - Glasklare Botschaften zum Thema Vielfalt

      Es war eine rundum gelungene und inhaltlich – bei aller gebotenen Bescheidenheit – sogar großartige Premiere. Der erste 21-Talk der 21-Gruppe in Kooperation mit dem Deutschen Fußballmuseum im Rahmen der neuen Reihe „Die 4. Halbzeit“ fand den großen Applaus, des kleinen Publikums.

      Vielleicht war das der einzige Makel: Die Veranstaltung zum Thema „Fußball, Arbeitswelt & Vielfalt“ am Diversity-Tag hätte mehr Besucher verdient gehabt. Andererseits war so die Atmosphäre besonders vertrauensvoll, beinahe intim – und das hat der Diskussion sicherlich gut getan.

      Das Podium war spannend besetzt. Gäste des langjährigen WDR-Lokalzeit-Moderators Gregor Schnittker waren: Katrin Wächter, lesbische Busfahrerin und Fahrbetriebswartin bei DSW21. Leonie Pichler, Amateurfußballerin aus Hattingen, geboren als Mann und derzeit in der hormonellen Transition zur Frau, als die sie sich seit Jahren fühlt. Dazu Christian Rudolph von der Anlaufstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) sowie Harald Kraus, Arbeitsdirektor bei DSW21 mit einer durchaus bewegten Vergangenheit in der autonomen Szene.

      Ein buntes Quartett, das so viele Facetten des Themas „Vielfalt“ ansprach und beleuchtete, dass der Gesprächsstoff locker für drei abendfüllende Veranstaltungen ausgereicht hätte. Zumal sich, und das war unbedingt gewünscht, auch das Publikum mit Fragen und Diskussionsbeiträgen einmischte. Auf dem Spielfeld im Fußballmuseum ging’s lebhafter zu als bei manchem Bundesliga-Kick.

      Eindrucksvoll: Wie mutig und offen Leonie Pichler über den Weg berichtete, den sie mit ihrem Coming Out in der Silvesternacht 2021/22 um 00:01 Uhr sehr bewusst eingeschlagen hat. Den Trainer ihres Fußballvereins hatte sie vorher eingeweiht. „Ich bin bei ihm auf großes Verständnis gestoßen. Er hat sich vor mich gestellt – und seither läuft es wirklich gut“, erzählte Leonie. Ihr Trainer war am Dienstag vor Ort, Leonies Mutter auch. Für sie stellte sich die Frage gar nicht, wie sie reagieren soll: „Leonie ist meine Tochter. Ich liebe sie so, wie sie ist. Ich glaube, sie war selbst ein bisschen erstaunt darüber, wie wir ihr Outing aufgenommen haben.“ Zur neuen Saison wird Leonie in ihrem Verein in Hattingen dann sogar die Trainingsleitung bei einer E-Jugend übernehmen.

      Klingt alles ganz „easy“, aber natürlich, erzählte die 28-Jährige, habe es auch andere Phasen der Unsicherheit, des Zweifelns und Haderns gegeben. „Düstere und depressive Phasen“ mit Problemen im Job, weil ihr Arbeitgeber mit der Situation gar nicht klarkam. Inzwischen hat sie den Arbeitgeber gewechselt und einen Chef und Kolleg*innen, die sie sehr offen aufgenommen haben.

      Harald Kraus, Arbeitsdirektor von DSW21, war sichtlich beeindruckt von Leonies Geschichte. „Was mich sauer macht, und zwar so richtig sauer, ist, dass sich Menschen wie Leonie nicht nur erklären und rechtfertigen, sondern auch eine Bürokratie über sich ergehen lassen müssen, die fast schon Verhör-ähnliche Züge hat. Und dass dann auf solcher Grundlage entschieden wird, ob die medizinische Behandlung bezahlt wird, die Leonie zu dem Menschen macht, der sie sein möchte. Das kann nicht sein und darf nicht sein. Ich muss mich ja auch nicht dafür rechtfertigen, dass ich heterosexuell bin.“
      Katrin Wächter, Busfahrerin bei DSW21, geht mit ihrer Homosexualität schon seit vielen Jahren sehr offen um. Sie war mit einem Mann verheiratet, hat zwei Kinder mit ihm. Irgendwann ging ihr auf, dass da etwas falsch ist. Inzwischen ist sie seit etlichen Jahren mit einer Frau verpartnert und mit sich und ihrer Familie und ihrem Leben komplett im Reinen. „Aber auch bei mir war das ein Prozess“, sagt sie. „Das Coming Out war seinerzeit wie ein Befreiungsschlag.“ Heute ist ihr Lesbisch-Sein kein großes Thema mehr, auch nicht im Kolleg*innen-Kreis bei DSW21. Und wenn doch mal jemand eine unangemessene Bemerkung macht? – „Dann drücke ich ihm eben einen Spruch zurück“, sagt Katrin.

      Den Fokus auf den großen Nachholbedarf, den der Fußball im Umgang mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt nach wie vor hat, beleuchtete Christian Rudolph. Dass der DFB inzwischen eine Anlaufstelle für dieses Thema geschaffen hat, sei ein erster Schritt. Dass noch unglaublich viel Arbeit vor ihm liegt, weiß er. „Wir müssen Strukturen ändern und vor allem mehr und besser zu diesem Thema aufklären.“ Dabei hat er vor allem die Profiklubs mit ihren bundesweit mehr als 50 Nachwuchsleistungszentren im Blick. „Gerade dort, aber auch an der Basis müssen wir den jungen Menschen eine klare Botschaft geben: Trau‘ dich, der Mensch zu sein, der du sein möchtest. Denn so, wie Du bist, bist Du gut! – Und dann müssen wir die Jungen und Mädchen, die sich trauen, natürlich auch unterstützen.“

      Und unter dem folgenden Link findet ihr ein Video der Veranstaltung:
      Die vierte Halbzeit - Der 21-Talk im Deutschen Fußballmuseum on Vimeo

      Text: 21-Gruppe

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